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Informationen für den Kurs 2021/22

Informationen für den Kurs 2021/2022

"Wenn Du Schüler nur an der Stimme erkennst ..."

Artikel in den Stuttgarter Nachrichten vom 11. Juni 2021

Stuttgarter Nachrichten 11.6.21 (Foto: privat)

Viele Kinder haben unter den Schulschließungen gelitten. Aber wie erging es Referendaren, die daheim lernen mussten, im Klassenzimmer zu unterrichten?

Quelle  - von Nadia Köhler

Endlich kann sich Nicolai Klass der Herausforderung stellen, auf die er sich schon lange freut. Der Referendar darf am Montag zum ersten Mal in einem vollen Klassenzimmer unterrichten. „Ich stand noch nie vor 30 Schülern. Das wird spannend.“ Seine Schule, das Georg-Büchner-Gymnasium in Winnenden, kehrt dann erst in den vollen Präsenzunterricht zurück. Darum konnte er dort bisher nur vor geteilten Klassen oder in der Oberstufe unterrichten.

Klass hat seine Ausbildung zum Gymnasiallehrer in den Fächern Englisch und Deutsch im Januar begonnen. Da saßen im Land alle Gymnasiasten, die nicht in die elfte oder zwölfte Klasse gingen, daheim im Fernunterricht. Und auch für Klass startete der neue Lebensabschnitt am Seminar für die Ausbildung und Fortbildung der Lehrkräfte in Stuttgart online. Der virtuelle Vorbereitungskurs brachte dem 26-Jährigen gleich mal eine wichtige Erkenntnis. „Schon nach zwei Wochen habe ich gemerkt, wie schwer es ist, die Konzentration hochzuhalten, vor allem, wenn der Tag sechs Stunden ging. Da habe ich mir gedacht: Wie muss das für Schüler sein, die jeden Tag von 7.30 bis 12.30 Uhr vor dem Bildschirm sitzen?“

Die Corona-Pandemie hat zwei Jahrgängen von zukünftigen Lehrern die eineinhalbjährige Ausbildung komplett durcheinandergewirbelt. Das erste Jahr beginnt für die Referendare im Januar in Vollzeit am Seminar, bevor sie für den Rest des Schuljahres in die Betreuung durch ihre Mentoren und zum Hospitieren an ihre jeweiligen Ausbildungsschulen geschickt werden. Zu Beginn des neuen Schuljahres im Herbst bekommen sie dann feste Klasse in ihren Fächern zugeteilt, die sie bis zu den Sommerferien selbstständig unterrichten. Parallel dazu legen sie ihre Prüfungen ab und besuchen jede Woche ihre Kurse am Seminar im Hospitalviertel.

Auch dort konnte Nicolai Klass nun dank der niedrigen Inzidenzen eine Premiere feiern: ein Treffen mit seinen Mitstreitern im echten Leben. „Es war schön, mal alle zu sehen!“, sagt er „es ist interessant, wie anders manche Menschen online aussehen.“ Diesen Moment haben nicht nur die Referendare, sondern auch ihre Ausbilder herbeigesehnt.

„Manche Referendare sind extra nach Stuttgart gezogen, haben dann nur vor dem Rechner gesessen und sich nie gesehen“, erzählt die Seminarlehrerin Regina Weigele, die ihren zehn Referendaren die grundlegenden Themen und Prinzipien der englischen Fachdidaktik vermittelt. Auch sie selbst, war mit der Situation unglücklich. Warum, wird klar, wenn man Weigele eine Online-Sitzung lang über die Schulter schaut. Die erfahrene Pädagogin brennt nicht nur für ihr Fach, sondern auch für die Diskussion, für das gemeinsame Erarbeiten eines Themas und den Austausch von Erfahrungen. Diese Begeisterung für das Lehren lässt sich online nur halb so gut transportieren. Trotz aller Bemühungen führen ausgelaugte Gesichter, Mikroprobleme und unsichtbare Gruppenarbeit in virtuellen Räumen dazu, dass Weigele wirkt, wie ein Vogel, der versucht mit gestutzten Flügeln abzuheben.

Die Ausbilderin ist sehr zufrieden mit ihren jetzigen Referendaren. Bei Unterrichtsbesuchen hat sie gesehen, dass sie genauso professionell sind wie die Jahrgänge, die das Wort Corona nicht kannten. Doch durch die Schulschließungen habe die Ausbildung bisher den Beruf nicht richtig abbilden können. Unterrichtstrukturen ließen sich auch digital problemlos einüben. „Aber im Klassenzimmer zählen auch andere Faktoren“, sagt die Weigele. „Persönliche Beziehungen zu den Schülern konnten meine Referendare kaum aufbauen, weil sie die Kinder noch nie gesehen haben. Von manchen kennen sie nur die Stimmen.“

Hinzu komme, dass die Azubis selbst im Präsenzunterricht derzeit viele wichtige Methoden, die dazu beitragen, dass sich Schüler etwas selbst erarbeiten, nicht praktizieren könnten. Die meisten beruhen auf Austausch und Durchmischung. „Aber alles was wir derzeit im Klassenzimmer machen, muss mit viel Abstand stattfinden, denn niemand will bei einem positiven Fall die ganze Klasse in Quarantäne schicken müssen. Methodisch abwechslungsreicher Unterricht wie vor der Pandemie ist nicht möglich.“ So werden die Referendare beim Zuschauen und Ausprobieren sehr oft auf Frontalunterricht zurückgeworfen. „Und das ist kein guter Unterricht“, sagt Weigele energisch.

Die Interaktion mit den Schülern ist auch genau das, worin Nicolai Klass jetzt Sicherheit gewinnen will. „Ich werde nicht Lehrer, weil ich ein hohes Wissen in Englisch und Deutsch habe, sondern weil das ein sozialer Beruf ist. Das kam bisher zu kurz.“ Er möchte sehen, wie gut seine Stunden bei den Schülern ankommen. „Die Rückmeldung läuft non verbal ab, da kommt ja fast nie einer und sagt: ,Das hat mir Spaß gemacht.’“

Ein viel größeres Kompliment hat sich Mona Tschüter während der langen digitalen Durststrecke in Sport bei ihren Zehntklässlern erarbeitet. „Unsere Sportstunde ist mein Wochen-Highlight!“, habe ihr eine Schülerin gesagt. Yoga und Meditation hat Tschüter den Jugendlichen angeboten. „Etwas Zartes, denn viele haben gesagt: , Ich hab nur ein kleines Zimmer und es sind alle daheim. Ich darf nicht springen!“. Was nicht gerade nach Nervenkitzel klingt, war wohl genau das Richtige für die Schüler in dieser Situation. „Die fanden alles so anstrengend, da waren sie froh, nichts leisten zu müssen, sondern nur dabei sein zu können.“

Ein offenes Ohr für ihre Schüler zu haben und auf deren Bedürfnisse einzugehen, das hat sich die 41-jährige ehemalige Betriebswirtin beim Start in die Lehrerausbildung fest vorgenommen. „Ich dachte, meine Lebenserfahrung kann mir helfen, das Referendariat gut zu bewältigen. Meine Stärke liegt darin, durch Kommunikation eine gute Beziehungsebene mit den Schülern aufzubauen. Das kam mir auch unter diesen Umständen zu Gute, weil ich wertfrei und wertschätzend auf die Schüler zugegangen bin.“ Tauchte eines ihrer Schäfchen im Fernunterricht ab, stieg sie aufs Rad und fuhr vorbei.

Die zukünftige Physik und Sportlehrerin ist 2020 ins Referendariat gestartet und steht nun, anders als Nicolai Klass, nicht mehr am Anfang, sondern schon kurz vor der Verleihung des Abschlusszeugnisses.

„Ich hatte lange Gesichter zu den Namen, aber jetzt verbinde ich doch auch eher Stimmen mit ihnen.“
Mona Tschüter, angehende Physik- und Sportlehrerin

Tschüter hat viel erlebt: Normales Schulleben, plötzliche Schließung, Wechselunterricht, Öffnung nach den Sommerferien und sechs Monate Fernunterricht. Missen will sie ihre turbulente Ausbildung nicht. „Ich fand mein Referendariat cool, weil es ganz anders war, als erwartet. Mir hat es Spaß gemacht, ständig flexibel zu reagieren.“ Von langen Videokonferenzen hält sie wenig, hinzu kam, dass ihr W-Lan anfangs oft in die Knie ging, weil ihre drei Kindern ebenfalls daheim im Homeschooling saßen. Also entstanden für ihre Physikschüler auf dem Tablet selbst gemachte Erklärund Experimentiervideos.

Tschüters Ausbildungslehrer am Seminar, Florian Karsten, überrascht so viel Kreativität nicht: „Physiker sind in technischer Hinsicht wenig angstbesetzt.“ Schon zu Beginn der Schulschließungen hat er mit Kollegen über Nacht eine Liste von Online-Werkzeugen zusammengestellt, die er seinen Referendaren an die Hand geben konnte.

Doch für eines konnten die Seminarlehrer bis heute kein Online-Tool, finden, für das, was man in der Wirtschaft Onboarding eines Mitarbeiters nennt. Für die neuen Referendare sei es schwer gewesen in der Krise, an ihren Ausbildungsschulen anzukommen, sagen Karsten und Weigele. Wie der Hase läuft, lerne man aber oft eher nebenbei im Lehrerzimmer. „Doch viele Referendare wissen bisher nicht einmal, wie das Lehrerzimmer riecht“, sagt Florian Karsten.


Der neue gewählte Ausbildungspersonalrat:

APR 2021/2022
v.l.n.r.: Ursula Baur, Nora Lehnhardt, Mehtap Szameitat-Kaya, Till Obermüller, Nicole Lik, Jan Domeyer, Kübra Kaskas, Imran Mert Öztürk, Devran Barkin, Natalia Goncharova


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